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Gehaltsverhandlung Tipps: So holst du beim Einstieg mehr raus

Du hast dein Studium geschafft, die Bewerbung war erfolgreich – und jetzt sitzt du im Vorstellungsgespräch und plötzlich fällt der Satz: „Was stellen Sie sich gehaltstechnisch vor?“ Stille. Schweissnasse Hände. Panik. So ging es mir jedenfalls beim ersten Mal. Ich hab viel zu wenig gesagt, weil ich froh war, überhaupt ein Angebot zu bekommen. Spoiler: Das war ein Fehler, der mich über Jahre Geld gekostet hat.

Die gute Nachricht: Gehalt verhandeln ist keine angeborene Fähigkeit. Es ist ein Skill, den du lernen kannst – und genau dabei helfe ich dir hier. Mit konkreten Formulierungen, einer klaren Vorbereitung und den häufigsten Fehlern, die du unbedingt vermeiden solltest.

Gehaltsverhandlung Tipps für Berufseinsteiger

Warum du dein Einstiegsgehalt unbedingt verhandeln solltest

Viele Berufseinsteiger:innen denken: „Ich bin froh, dass ich den Job habe – da verhandle ich lieber nicht.“ Verständlich, aber ein teurer Denkfehler. Denn dein Einstiegsgehalt ist die Basis für alles, was danach kommt. Jede Gehaltserhöhung in den nächsten Jahren baut darauf auf.

Ein Rechenbeispiel: Wer mit 2.800 € brutto statt 2.500 € startet, verdient über 5 Jahre – ohne jede Erhöhung – rund 21.000 € mehr. Mit Erhöhungen wird der Unterschied noch größer. Das ist kein Kleingeld. Und alles, was du dafür tun musst: ein Gespräch führen.

Außerdem: Arbeitgeber erwarten, dass du verhandelst. Wer das nicht tut, wird nicht als bescheiden wahrgenommen – sondern als uninformiert. Also: Trau dich.

Die Vorbereitung: Dein wichtigstes Werkzeug

Ohne Vorbereitung in eine Gehaltsverhandlung zu gehen ist wie ohne Lernstoff zur Prüfung – es kann klappen, wird aber meistens peinlich. So bereitest du dich vor:

1. Deinen Marktwert recherchieren

Bevor du eine Zahl nennst, musst du wissen, was realistisch ist. Nutze diese Quellen:

  • AMS Gehaltskompass: Speziell für Österreich, mit Branche und Region filterbar
  • Glassdoor & kununu: Echte Gehaltsangaben von Mitarbeiter:innen
  • Kollektivvertrag: In Österreich gibt es für fast jede Branche einen KV – das ist dein Minimum
  • Absolvent:innen-Studien: Viele Unis veröffentlichen Einstiegsgehalt-Reports
  • Netzwerk: Frag Leute, die schon in der Branche arbeiten – ja, über Geld reden ist okay

Der Kollektivvertrag als Trumpfkarte

In Österreich sind rund 98 % aller Beschäftigungsverhältnisse durch einen Kollektivvertrag geregelt – das ist weltweit einzigartig. Schau dir den KV für deine Branche an: Dort steht das Mindestgehalt für deine Position. Dein Ziel sollte spürbar darüber liegen – denn der KV ist das Minimum, nicht die Norm.

2. Deine Argumente sammeln

Schreib dir auf, warum du mehr wert bist als das Minimum:

  • Relevante Praktika & Werkstudent:innen-Tätigkeiten
  • Besondere Kenntnisse (Sprachen, Software, Zertifikate)
  • Abschlussarbeit mit Praxisbezug
  • Ehrenamtliches Engagement oder Auslandserfahrung
  • Konkrete Erfolge: „In meinem Praktikum bei X habe ich Y umgesetzt, was zu Z geführt hat.“

3. Deine Schmerzgrenze definieren

Leg dir vor dem Gespräch drei Zahlen fest:

  1. Wunschgehalt: Das, was du gerne hättest (realistisch, aber ambitioniert)
  2. Einstiegsforderung: Etwas über dem Wunschgehalt – damit du Verhandlungsspielraum hast
  3. Schmerzgrenze: Darunter nimmst du den Job nicht an (oder nur mit sehr guten Zusatzleistungen)

7 Strategien für deine erste Gehaltsverhandlung

Strategie 1: Lass den Arbeitgeber zuerst nennen

Wenn möglich, nenne nicht als Erste:r eine Zahl. Wer zuerst spricht, setzt zwar den Anker – aber als Berufseinsteiger:in kannst du diesen Anker leicht zu niedrig setzen, weil dir die Erfahrung fehlt.

Formulierung: „Ich habe mich natürlich informiert, was in der Branche üblich ist. Mich würde aber zunächst interessieren, in welchem Rahmen Sie die Position angesiedelt haben.“

Strategie 2: Nenne eine konkrete Zahl, keine Spanne

Wenn du dran bist: Nenne eine konkrete Zahl, keine Spanne. Wer sagt „zwischen 2.500 und 3.000 Euro“, bekommt 2.500. So funktioniert Psychologie.

Formulierung: „Auf Basis meiner Recherche und meiner Qualifikationen stelle ich mir ein Bruttojahresgehalt von 38.500 Euro vor.“

Die krumme Zahl ist Absicht: Sie wirkt recherchiert und durchdacht. „40.000“ klingt nach einer Hausnummer – „38.500“ klingt nach jemandem, der sich vorbereitet hat.

Strategie 3: Begründe mit Mehrwert, nicht mit Bedürfnis

Dein Arbeitgeber zahlt dich nicht, weil du eine teure Wohnung hast. Er zahlt dich, weil du einen Mehrwert für das Unternehmen schaffst. Argumentiere immer aus der Perspektive des Arbeitgebers.

Falsch: „Ich brauche mindestens 2.800 Euro, weil meine Miete allein schon 900 Euro beträgt.“

Richtig: „In meinem Praktikum habe ich das Social-Media-Management eigenständig übernommen und die Reichweite um 40 % gesteigert. Diese Erfahrung bringe ich direkt in die ausgeschriebene Position ein.“

Strategie 4: Die strategische Pause

Einer der stärksten Verhandlungstricks überhaupt: Schweigen. Wenn dir ein Angebot gemacht wird, das unter deiner Vorstellung liegt – sag nichts. Zähle innerlich bis fünf. Die meisten Menschen halten Stille nicht aus und verbessern ihr Angebot von selbst.

Das fühlt sich unangenehm an, ich weiss. Aber es funktioniert. Übe das vorher mit einem/einer Freund:in.

Strategie 5: Verhandle das Gesamtpaket

Gehalt ist nicht alles. Wenn beim Bruttogehalt wenig Spielraum ist, verhandle Zusatzleistungen:

  • Homeoffice-Tage: 2 Tage pro Woche sparen dir Fahrtkosten und Zeit
  • Weiterbildungsbudget: Z. B. 1.500 €/Jahr für Kurse, Konferenzen, Zertifikate
  • Zusätzliche Urlaubstage: Manche Unternehmen bieten 27 statt 25 Tage
  • Öffi-Ticket: Klimaticket oder Jahreskarte – spart dir bis zu 1.100 € im Jahr
  • Flexible Arbeitszeiten: Gleitzeit statt starrer 9-to-5
  • Essenszuschuss: Bis zu 8 €/Tag steuerfrei – das läppert sich

Formulierung: „Ich verstehe, dass das Gehalt an den KV gebunden ist. Könnten wir dafür über ein Weiterbildungsbudget und die Möglichkeit von Homeoffice sprechen?“

Strategie 6: Setze eine Gehaltsreview fest

Wenn das Einstiegsgehalt wirklich nicht höher geht: Vereinbare schriftlich, dass nach 6 Monaten ein Gespräch über eine Anpassung stattfindet. So zeigst du Kompromissbereitschaft, ohne auf Dauer zu wenig zu verdienen.

Formulierung: „Ich bin bereit, mit diesem Gehalt zu starten, wenn wir vereinbaren, dass wir nach der Probezeit über eine Anpassung sprechen – gerne gekoppelt an konkrete Ziele.“

Strategie 7: Übe vorher laut

Das klingt banal, ist aber entscheidend: Übe das Gespräch laut. Nicht im Kopf – wirklich aussprechen. Vor dem Spiegel, mit Freund:innen, oder nimm dich mit dem Handy auf. Du wirst merken: Beim ersten Mal fühlt sich „Ich stelle mir 38.500 Euro vor“ total weird an. Beim fünften Mal nicht mehr.

Gender Pay Gap: Besonders für Frauen wichtig

In Österreich verdienen Frauen im Schnitt 12,4 % weniger als Männer (bei gleicher Arbeit). Ein Grund: Frauen verhandeln seltener und weniger aggressiv. Wenn du eine Frau bist – verhandle. Nicht obwohl, sondern gerade weil die Lücke existiert. Du hast jedes Recht, fair bezahlt zu werden.

Die 5 häufigsten Fehler bei der ersten Gehaltsverhandlung

Fehler 1: Gar nicht verhandeln

Der größte Fehler überhaupt. Viele Berufseinsteiger:innen nehmen das erste Angebot an, weil sie „dankbar“ sein wollen. Aber: Ein Angebot ist ein Angebot – kein Ultimatum. Arbeitgeber rechnen damit, dass du verhandelst. Wer das nicht tut, lässt Geld liegen.

Fehler 2: Die erste Zahl zu niedrig ansetzen

Aus Angst, abgelehnt zu werden, nennen viele eine Zahl, die unter ihrem eigentlichen Wert liegt. Das Problem: Runterhandeln kann der Arbeitgeber immer – rauf fast nie. Starte lieber 10–15 % über deinem Wunschgehalt und lass dich „runterverhandeln“ auf das, was du eigentlich wolltest.

Fehler 3: Sich rechtfertigen statt argumentieren

„Naja, ich weiss, ich bin noch Berufseinsteiger, deshalb ...“ – Stop. Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du wenig Erfahrung hast. Jede:r fängt mal an. Argumentiere stattdessen mit dem, was du mitbringst: Studium, Praktika, frische Perspektiven, digitale Skills.

Fehler 4: Netto statt Brutto verhandeln

In Österreich wird immer brutto verhandelt. Wenn du eine Nettozahl nennst, wirkst du unprofessionell. Rechne vorher um (z. B. mit dem Brutto-Netto-Rechner des BMF) und sprich immer vom Bruttojahresgehalt. Bonus: In Österreich gibt es 14 Gehälter – vergiss das nicht bei der Berechnung.

Fehler 5: Bei Ablehnung sofort aufgeben

„Da haben wir leider keinen Spielraum.“ Das ist kein Nein – das ist eine Verhandlungstaktik. Deine Antwort: „Ich verstehe. Was wäre denn möglich?“ Oder: „Könnten wir über Zusatzleistungen sprechen?“ Es gibt immer Spielraum – die Frage ist nur, wo.

Das Wichtigste zum Schluss

Eine Gehaltsverhandlung ist kein Kampf. Es ist ein Gespräch zwischen zwei Seiten, die zusammenkommen wollen. Sei freundlich, professionell und selbstbewusst. Kein Arbeitgeber zieht ein Angebot zurück, nur weil du verhandelt hast. Noch nie passiert. Wirklich.

Häufige Fragen zur Gehaltsverhandlung

Wie verhandle ich mein erstes Gehalt nach dem Studium?

Recherchiere vorab deinen Marktwert (über AMS Gehaltskompass, Glassdoor oder den Kollektivvertrag), bereite 3–5 Argumente vor, warum du mehr als das Minimum verdienst, und nenne eine konkrete Zahl statt einer Spanne. Übe das Gespräch vorher laut – so verlierst du die Nervosität.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, das Gehalt anzusprechen?

Sprich das Gehalt nicht im ersten Gespräch an, sondern warte, bis das Unternehmen klares Interesse zeigt. Der ideale Moment ist, wenn der Arbeitgeber dich fragt. Falls nicht: Gegen Ende des zweiten Gesprächs ist ein guter Zeitpunkt.

Was tun, wenn das Gehaltsangebot zu niedrig ist?

Nicht sofort ablehnen. Bedanke dich, mach eine kurze Pause und sage: „Ich habe mich intensiv mit dem Markt beschäftigt und auf Basis meiner Qualifikationen eher an X gedacht. Gibt es da Spielraum?“ Falls nicht: Verhandle Zusatzleistungen wie Homeoffice, Weiterbildung oder Öffi-Ticket.

Soll ich meinen Gehaltswunsch in die Bewerbung schreiben?

Nur wenn es ausdrücklich in der Stellenanzeige verlangt wird. In dem Fall: Nenne eine konkrete Bruttojahres-Zahl (leicht über deinem Wunsch). Wenn es nicht verlangt wird, lass es weg – im Gespräch hast du mehr Verhandlungsspielraum.

Wie formuliere ich meinen Gehaltswunsch?

Formulierung: „Auf Basis meiner Recherche und meiner Qualifikationen – insbesondere mein Praktikum bei X und meine Spezialisierung in Y – stelle ich mir ein Bruttojahresgehalt von Z Euro vor.“ Konkret, begründet, ohne Konjunktiv.

Darf ich nach dem Kollektivvertrag fragen?

Nicht nur darfst du – du solltest. Der Kollektivvertrag ist öffentlich einsehbar und regelt das Mindestgehalt für deine Position. Frag ruhig: „In welche KV-Stufe ist die Position eingeordnet?“ Das zeigt, dass du dich informiert hast.

Wie viel mehr kann ich als Berufseinsteiger:in verlangen?

Eine realistische Verhandlungsspanne liegt bei 5–15 % über dem ersten Angebot bzw. dem KV-Minimum. Wie viel du tatsächlich rausholst, hängt von deinen Argumenten, der Branche und der Unternehmensgröße ab.

Was ist, wenn ich den Job unbedingt will – soll ich trotzdem verhandeln?

Ja! Verhandeln bedeutet nicht, den Job zu riskieren. Kein seriöser Arbeitgeber zieht ein Angebot zurück, weil du höflich nachgefragt hast. Im Gegenteil: Es zeigt Selbstbewusstsein und Professionalität – Eigenschaften, die in jedem Job gefragt sind.

Wie gehe ich mit der Frage „Was verdienen Sie aktuell?“ um?

Du musst dein aktuelles Gehalt nicht nennen. Eine gute Antwort: „Ich orientiere mich bei meiner Gehaltsvorstellung an der ausgeschriebenen Position und dem, was in der Branche üblich ist.“ In Österreich gibt es keine Pflicht, dein bisheriges Gehalt offenzulegen.

Wie spreche ich später eine Gehaltserhöhung an?

Warte nicht auf den Jahresgespräch-Termin – bitte aktiv um ein Gespräch. Dokumentiere vorher deine Erfolge der letzten Monate, recherchiere aktuelle Marktgehälter und argumentiere mit deinem gewachsenen Mehrwert. Ideal: nach einem erfolgreich abgeschlossenen Projekt.

Fazit: Verhandeln lohnt sich – immer

Dein Einstiegsgehalt verhandeln ist kein optionaler Bonus – es ist eine Investition in deine Zukunft. Bereite dich vor, kenne deinen Marktwert, nenne eine konkrete Zahl und hab keine Angst vor dem Gespräch. Im schlimmsten Fall sagt dein Gegenüber: „Das können wir leider nicht bieten.“ Dann verhandelst du eben Zusatzleistungen. Aber aufgeben, bevor du es versucht hast? Das ist der einzige echte Fehler.

Und denk dran: Der/die Personaler:in auf der anderen Seite des Tisches hat auch mal bei null angefangen. Die verstehen das. Also: Kopf hoch, Zahl parat – und rein ins Gespräch.