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Abenteuer Leben. Studium. Beruf. © Sarah Staber & Stephanie Briegl / MEINPLAN.at
15.06.2018 | Ehrenamt | Emanuela Sutter

Besuch im Pflegeheim: Amore, rosa Nagellack und warum wir Schwäche brauchen

Wann hast du zuletzt einen alten Menschen besucht? Warum es sich lohnt, mit alten Menschen Zeit zu verbringen.

Bei einer Stadtaktion in Wiener Neustadt habe ich vergangene Woche die Möglichkeit bekommen, Menschen im Pflegeheim zu besuchen. Der Besuch hat meine Erwartungen weit übertroffen. Besonders die Begegnung mit einem Ehepaar hat mich berührt.

 

Das Paar saß etwas abseits der Gruppe. Da die beiden so erwartungsvoll-freudig in meine Richtung blickten und die anderen Pensionisten mit Gesprächspartnern „versorgt“ waren, ging ich auf die zwei zu. Schon von weitem war zu erkennen, dass es sich bei der zierlichen kleinen Dame neben dem schweren großen Mann im Rollstuhl nicht um eine Betreuerin handelte. Eng beisammen saßen sie, immer Händchen haltend und der Mann streichelte öfters über den Arm der Frau, wie man es bei einem frisch verliebten Pärchen beobachten kann. Doch die beiden sind nicht frisch verliebt – sie lieben sich seit 53 Jahren.

 

Liebe auf den ersten Blick

Edith, gebürtige Slowenin, erzählt mir, wie sie sich kennen gelernt haben: Vor über 53 Jahren sahen sie sich zum ersten Mal in einem Tanzcafé in Wiener Neustadt. Die beiden sahen sich also und Peter forderte Edith zum Tanzen auf. Sie nahm das Angebot jedoch nicht an, da es in ihrer Kultur ein ungeschriebenes Gesetz war, dass man nur mit den Freunden tanzt, mit denen man den Club betrat. Einige Monate später begegneten sich Edith und Peter zufällig auf der Straße wieder. Noch am selben Tag gingen sie zusammen Kaffee trinken – der Rest ist Geschichte.

 

Liebe und Leid

Seit acht Jahren lebt Peter nun schon im Pflegeheim. Davor wurde er bereits acht Jahre zuhause von seiner Frau versorgt. Diagnose: drei Schlaganfälle in den letzten 16 Jahren. Seit Peter im Pflegeheim untergebracht ist, kommt ihn Edith Tag für Tag mehrere Stunden besuchen. Auf meine Frage, woher sie die Kraft für das alles nimmt, sagt sie: „Er (Peter) gibt mir Kraft. Seine Liebe gibt mir Kraft.“

 

Sarah ist sichtlich stolz auf ihren Mann. Sie zeigt mir Fotos von Schildern in Wiener Neustadt, die Peter einst beschriftet hat. Dann fragt sie ihn: „Bist du auch stolz auf mich?“ Er lächelt übers ganze Gesicht und nickt. Generell machen die beiden einen total fröhlichen Eindruck auf mich. Beide grinsen fast unentwegt, auch wenn Peter durch die Schlaganfälle im Sprechen sowie in den Bewegungen sehr beeinträchtigt ist.

 

Besuch im Pflegeheim © Paul Stachel/meinplan.at
 

Junge Gesprächspartner für alte Menschen im Pflegeheim © Paul Stachel/meinplan.at

 

Singen und rosa Nagellack

Nach dem wirklich bezaubernden und langen Gespräch mit Edith und Peter versammelten wir uns gemeinsam mit den alten Leuten im Garten und sangen Lieder für sie. Für mich war es so schön und interessant zu beobachten, wie sich die Menschen an der Musik erfreuten. Manche sangen mit, manche klatschen zu den Liedern dazu.

 

Während dem Singen beobachtete ich unser Publikum. Mir fiel z.B. eine Dame auf, die total elegant hergerichtet war. Sie trug eine blitzblaue Hose aus weichem Stoff und darüber eine Bluse mit gelben Blüten. Sie war geschminkt und ihre Haare waren schön hergerichtet.

 

Ich dachte: „So eine Lady möchte ich auch mal sein, wenn ich alt bin!“

 

Meine Aufmerksamkeit fiel auch auf eine Dame im Rollstuhl, die rose Nagellack trug, der farblich genau zu der gehäkelten Blume auf ihrem Rollstuhl passte. Nachher ging ich auf sie zu und sagte ihr, wie gut mir ihr Nagellack gefalle. Die 99-Jährige strahlte über ihr ganzes Gesicht.

 

Was mich der Umgang mit alten Menschen lehrt

#1 Jugend, Schönheit, Kraft, Vitalität, Wissen,… vergehen und sind letzten Endes unwichtig!

Ich denke darüber nach, was mir bzw. der Gesellschaft, in der ich lebe, wichtig ist. Mit hippen Freunden in der Stadt unterwegs zu irgendwelchen In-Lokalen zu sein, sich über vegane Rezepte und die neuesten Kosmetikprodukte zu unterhalten, einen guten Job zu ergattern, interessante Hobbys zu pflegen, an coole Orte zu reisen und möglichst viel davon auf Instagram zu stellen, und einen Haufen kluger Bücher und Artikel zu lesen.

 

Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich selbst über meine Oberflächlichkeit lachen, obwohl die Beschreibung natürlich überspitzt ist. Doch das alles vergeht, je älter du wirst und weißt, dass du in den nächsten Jahren sterben wirst!

 

#2 Wenn du alt, gebrechlich und vergesslich wirst, zählen Dinge und Werte, die du vorhin als selbstverständlich hingenommen hast.

Einsamkeit scheint mir im Pflegeheim ein großes Thema zu sein. Viele Menschen haben ihren Partner verloren, sind ohne Kinder und haben schlichtweg niemanden, der sie besucht. Das ist kaum vorstellbar für unsere so mobile Generation! Aber wenn du dich nicht mal mehr ohne Hilfe fortbewegen kannst und/oder dich sprachlich – aus welchem Grund auch immer – nicht mehr klar ausdrücken kannst, wie willst du das Heim verlassen und neue Leute kennenlernen? Darum schätzen die Menschen aus dem Pflegeheim Besuch so sehr und freuen sich, dass sich junge Leute für sie Zeit nehmen.

Besuch im Pflegeheim © Paul Stachel/meinplan.at
 

 Singen und zuhören © Paul Stachel/meinplan.at

 

 

#3 Alte Menschen sind ein Mahnmal für uns, dass wir eben nicht frei und unabhängig sind!

Wir wollen heute alle möglichst unabhängig, frei, selbstbestimmt sein. Die Single-Haushalte werden mehr. Man lebt für seinen Job, seine Hobbys und sein Haustier. Doch eigentlich ist die Zeitspanne, in der wir uns diesen Lebensstil leisten können, eine sehr kurze. Wir kommen als hilfloses Baby auf die Welt und sind meist bis zum Schulabschluss von Menschen (in dem Fall unseren Eltern) in verschiedenen Formen abhängig. Wenn wir älter werden, fängt die Abhängigkeit von der Hilfe anderer Menschen wieder an und nimmt zu. Dazwischen spüren wir das Gebundensein bei manchen Begebenheiten, z.B. wenn wir krank sind oder uns etwas gebrochen haben. Der Mensch ist auf andere Menschen angewiesen – das lehren uns alte und/oder kranke Menschen.

 

#4 Freude finden in den kleinen Dingen des Lebens

Durch alte Menschen können wir die Freude am Kleinen und Gewöhnlichen lernen. Die Freude an einem guten Gespräch, an einer Umarmung, an der 15-Uhr-Jause, am Gesang durchschnittlich begabter Menschen, an einer Geschichte. Sie lehren uns, dass man für das Glück nicht irgendwelche fancy Gegenstände oder Orte benötigt, sondern einfach die Sachen und Tätigkeiten, an denen sich Menschen zu allen Zeiten schon erfreut haben.

 

#5 Das Schwache, Gebrechliche, Un-schöne, Senile ins Leben lassen

Wir tendieren dazu, uns ein perfektes und schönes Leben um uns herum aufbauen zu wollen und die oben genannten Punkte möglichst herauszuhalten oder zu kaschieren. Wir verbergen die unschönen Seiten unseres Charakters, unsere Schwächen, unsere körperlichen Makel. Die alten Menschen lehren uns, „Ja“ zu dem Dunklen und Unperfekten in unserem Leben Ja zu sagen und auch Verfall und Tod anzunehmen; keine Angst davor zu haben!

 

 
Mein Tipp

Besuch ein Pflegeheim, wenn du die Gelegenheit dazu hast! Oder besuch einen alten Menschen in deiner Umgebung. Alte Menschen sind eine Bereicherung für uns, wir können so viel von ihnen lernen und durch die Freude und das Strahlen des Alten bekommt man selbst so viel zurück!
 
 

 

Emanuela Sutter

Ich verbinde die großen Leidenschaften meines Lebens: Musik, Literatur, Philosophie und Theologie. Bei mir gilt: Denken und Fragen erlaubt! Es gibt keinen Gedanken, der zu abgründig, zu abstrakt, zu jenseitig wäre.

 

Derzeit studiere ich Deutsch und Philosophie/Psychologie auf Lehramt sowie katholische Fachtheologie und arbeite als Harfenlehrerin an zwei Musikschulen. Das hat mit meinem ersten Studium an der Musikuni Wien zu tun, wo ich einen Abschluss in Harfe-Instrumentalpädagogik gemacht habe.

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