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02.04.2019 | Ehrenamt | Pauline Haak

Volunteer im Hospiz: Über Leben und Tod gelernt

Ein Jahr als Jesuit Volunteer in einem Hospiz in Rumänien mitarbeiten – klingt gruselig? Nicht, wenn Pauline mit ihren schönen Worten darüber schreibt.

Pauline Haak ist seit August des letzten Jahres als Jesuit Volunteer mit dem Freiwilligenauslandsprogramm der Jesuiten in Timisoara / Rumänien, um dort Menschen in einem Hospiz auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Das Programm Jesuit Volunteers ist Teil von ausserordentlich, der AG der internationalen Freiwilligendienste der Ordensgemeinschaften Österreichs. Im kommenden Bericht erzählt sie uns von einer ganz besonderen Begegnung.

 

In einem Hospiz zu arbeiten, was macht das mit einem jungen Menschen?

© Pauline/MEINPLAN.at
 

© Pauline

 

Ich möchte euch heute von meinen ganz subjektiven Erfahrungen im Hospiz „Casa Milostivirii Divine” berichten und Geschichten erzählen, die mehr als nur Trauer und Leid enthalten. Ich denke, dass ein Hospiz im Idealfall ein Ort ist, an dem das Leben unseres Gastes besonders intensiv stattfindet mit allen Gefühlen, die Teil unseres Lebens sind. Wo Begleitung nur möglich ist, wenn man bereit ist, den Schmerz anderer auszuhalten und die Augen nicht zu verschließen vor dem, was gesunde Menschen so leicht vergessen.

 

Ich habe dort sehr viel gelernt – über mich. Nicht nur über Krankheit und den Tod. Sondern über das Leben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich hoffe, ein kleines Stück dieser Erfahrung an Euch, liebe Leser, weitergeben zu können.

 

Doamna Elena, eine waschechte rumänische Bunica

Bunica heißt übersetzt Großmütterchen. Elena ist 89 Jahre alt und hat eine besondere Form von Krebs, dazu auch noch Rheuma.

 

Elena ist auf dem Land aufgewachsen, in einer Bauernfamilie mit vier Geschwistern von denen zwei Brüder zur Schule gegangen sind. Zuhause übte sie mit ihren zwei Brüdern Schreiben und Lesen. Ihr Vater starb im zweiten Weltkrieg in Russland.

 

Als sie etwa zwanzig Jahre alt war, heiratete sie. Einen guten Mann, so sagt sie. Der nicht getrunken hat. Sie nicht geschlagen hat. Den sie sich selbst aussuchen konnte. Zu Zeiten Ceaușescu musste sie auf einem Feld arbeiten, auf einem der riesigen landwirtschaftlichen Kollektive.

 

2000 ist ihr Ehemann gestorben, soweit ich weiß, weil er eine Lungenerkrankung hatte. Elena arbeitete weiter, kümmerte sich um das Haus. Allein.

 

Vor zwei Jahren ist sie erkrankt und war das erste Mal bei uns. Bis heute hat sie uns einige Male besucht. Sie liebt die Krankenschwester Simona und die Freiwillige Ileana, die sie immerzu anrufen oder zuhause helfen und Medikamente bringen. Elena hat eine Tochter, die in Iași studiert hat und heute weit weg wohnt, sie aber regelmäßig besucht, wenn auch sie krank ist.

 

Sie hat nur einen Fehler damals gemacht - wie sie selber denkt - nämlich ihr Kind abgetrieben, und sie fragt, warum sie so leiden muss. Es war die Zeit nach dem Krieg, wo Armut Frauen dazu gezwungen hat, ihre Kinder nicht zu bekommen. Wir haben Patientinnen, die bis zu zehn oder zwanzig Abtreibungen hinter sich haben. Noch immer hat Rumänien eine der höchsten Abtreibungsraten in der gesamten EU.

 

 
Wir haben Patientinnen, die bis zu zehn oder zwanzig Abtreibungen hinter sich haben.
 
 

 

Auf einem kleinen Dorf im Banat hat Elena ihr eigenes Haus mit einem Garten. Früher hatte sie Haustiere: ein Hündchen und Hühner. Heute kümmert sich nur noch um eine Nachbarin um ihren Besitz, wenn sie krank zuhause ist.

 

Weder eine Heizung noch fließendes Wasser besitzt sie, vor ihrem Zaun steht ein Springbrunnen, wo sie Wasser abholt.

 

Elena erinnert sich nicht mehr so genau an alles. Aber wenn sie von zuhause erzählt, strahlt ihr Gesicht vor Stolz. Wenn ich komme, dann öffne ich in der Regel das Fenster, und ein sanfter Frühlingshauch kommt in ihr Zimmer.

 

Unde este fata mea? Wo ist mein Mädchen?, fragt sie. Im Sommer gehen wir raus in den Hospizgarten und sammeln Blumen.

 

Ich erzähle ihr, was ich heute gegessen habe, wie das Wetter ist und was ich gemacht habe. Ich muss ihr dann aber doch das Essen aus der Cantina bringen, einem Projekt der Caritas, für das die Schwestern sehr dankbar sind. Optimal ist es leider nicht.

 

Cum vrea Dumnezeule, nu numai cum vrei tu. Cum vrea Dumnezeule. - Wie Gott möchte, nicht nur was du willst. Wie Gott es möchte.

 

Wenn sie sich nicht gut fühlt, sagt sie leise: „Doamne ajută!“ Ein religiöser Ausruf, der hier ständig von jedem benutzt wird. „Der Herr hilft.“

 

Warum mich Elenas Schicksal so berührt?

Nicht weil Elena trotzdem glücklich ist, denn das stimmt nicht. Schwarzen Humor erlernt man hier nicht trotzdem, er wird dringend gebraucht. Ich schreibe über Elena, weil ich mich ihr verbunden fühle, obwohl wir aus zwei unterschiedlichen Zeiten und Welten kommen.

 

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil sie aus meiner Sicht stellvertretend für die Vergangenheit der Rumänen steht. Für einen bescheidenen, einfachen Menschenschlag, der sich durch seine Herzlichkeit und liebenswerte ruppige Art in dein Herz schleicht.

 

Pauline Haak

Pauline Haak ist seit August des letzten Jahres als Jesuit Volunteer beim Freiwilligenauslandsprogramm der Jesuiten in Rumänien, um dort Menschen in einem Hospiz auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

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